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Von Reitern, Koppelzäunen und Wölfen: Ein Expertengespräch


Bitte stellen Sie sich und Ihre Arbeit kurz vor.  

 

Ich heiße Tanja Askani und betreue die Wölfe im Wildpark Lüneburger Heide. Während der Saison von April bis in den November hinein halte ich täglich Vorträge über Wölfe an den Wolfsgehegen und beantworte Fragen der Besucher.

 

Wie ist die Chance, dass ich beim Spaziergang einem Wolf begegne? 

 

Sehr gering. Wölfe haben ein ausgezeichnetes Hör- und Geruchvermögen und hören oder riechen uns schon früh, lange bevor wir in ihrer Nähe sind. Sie benutzen zwar gerne im Außenbereich von Menschen geschaffene Strukturen wie Straßen, Waldwege und Pfade, weil man da leichter vorankommt als querbeet, doch sie gehen uns aus dem Weg, wenn man sich zufällig nahekommt. Vor allem erwachsene Wölfe legen keinen Wert auf eine Begegnung mit Menschen. Wenn es tatsächlich zu einer Wolfssichtung oder Wolfsbegegnung kommt, handelt es sich in der Regel um Welpen, also um bis zu 12 Monate alte Tiere, die noch neugierig, unerfahren und noch nicht in der Lage sind, Gefahren zu erkennen und richtig einzuschätzen. Dann kann es sein, dass das junge Tier uns sehr genau ansieht, um zu verstehen, wer wir sind. Das hat nichts mit verlorener Scheu vor Menschen zu tun, wie fälschlicherweise oft behauptet wird. Das ist tatsächlich einfach nur ein neugieriger Welpe, der ein paar Tage oder Wochen später die gleiche Scheu wie Eltern besitzen wir. In den Wintermonaten – also im Alter von etwas über einem halben Jahr – beeindrucken Welpen uns mit ihrer Größe. Sie scheinen sogar größer als ihre Eltern zu sein. Die Natur meint es mit den Welpen gut und schenkt ihnen in ihrem ersten Winter extrem plüschiges, langes und dichtes Winterfell. Dieses bekommen sie nur einmal in ihrem Leben. Dadurch kommt zu diesem Erscheinungsbild. Sie können dann leicht mit erwachsenen Wölfen verwechselt werden.      

Wie bei uns Menschen gibt es auch bei Wölfen unterschiedliche Temperamente. Der ängstliche, vorsichtige Typ macht sich sofort aus dem Staub, wenn er unsere Annäherung oder etwas anderes Unbekanntes bemerkt. Der Draufgänger betrachtet uns, nähert sich vielleicht sogar – aber nicht mit Angriffsabsichten, sondern aus purer Neugier. 

 

Man braucht schon etwas Wissen über Wölfe, um diese Tiere zu verstehen und um sich angemessen ihnen gegenüber verhalten zu können. Leider wird in den Medien so gut wie gar nicht über Wölfe informiert, wird Null Wissen über Wölfe vermittelt. Stattdessen werden reißerische und schlecht bis gar nicht recherchierte Meldungen bei Wolfsübergriffen veröffentlicht mit blutrünstigen Texten und Bildern, was natürlich uralte Ängste in uns schürt, die Jahrhunderte lang von den Kirchen, der Obrigkeit und in Märchen gepflegt wurden mit einem bösartigen, bestialischen Wolfsbild. Das hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun – wirklich absolut nichts. In den reißerischen Meldungen wird nahezu ausschließlich darüber berichtet, dass der Wolf Nutztiere verletzt oder getötet hat, Herdenschutz wird mit keiner Silbe erwähnt. Wir müssen aber wissen, dass noch immer, auch nach 25 Jahren Anwesenheit von Wölfen, bis zu 80% der angegriffenen Nutztiere, hauptsächlich Schafe, gar nicht oder nicht ausreichend gegen Wölfe geschützt sind – das finde ich ungeheuerlich und nicht fair den Weidetieren gegenüber.  

 

Was wir noch wissen sollten: ein Wolfsrevier ist bei uns zwischen 150 und 300 Quadratkilometer groß, das sind 15.000 bis 30.000 Hektar. In diesem Gebiet streift nur ein einziges Wolfspaar herum mit einigen Welpen und vielleicht noch dem einen oder anderen Jungwolf, also Welpen aus dem Vorjahr. Das sind für eine kurze Zeit höchstens 10 Tiere, mehr als die Hälfte davon Welpen. 10 Wölfe auf 30.000 Hektar… das allein lässt Begegnungen recht unwahrscheinlich erscheinen. 

Und noch ein wichtiger Hinweis: junge Wölfe verlassen ihre Familie, können höchstens bis zu 2 Jahren bleiben und müssen dann losziehen, um sich ein eigenes, anderes Territorium zu suchen. Damit ist sichergestellt, dass auf begrenztem Raum nur eine begrenzte Anzahl von Wölfen lebt, dass es nicht zu einer Überpopulation kommen kann. 

 

Wie verhalte ich mich richtig, wenn ich einem Wolf begegne?  

 

Ruhig bleiben, nicht weglaufen, genau hinsehen. Ich persönlich würde mich natürlich freuen, aber wenn jemand nur Schauermärchen über Wölfe im Kopf hat, kann ich verstehen, dass man instinktiv Angst hat und weglaufen möchte. Beides ist falsch. Angst ist unberechtigt und weglaufen fordert den Wolf geradezu heraus, zu folgen. Das ist Reflex. Jeder Hund läuft einem hinterher, wenn man wegrennt. Von einem Wolf grundlos angegriffen zu werden ist eine irreale, eingebildete Gefahr. Seit 1996 gilt Deutschland wieder als Wolfsland. In diesen vielen Jahren bis heute wurde kein einziger Mensch von einem Wolf bedroht, verletzt oder gar getötet. Trotzdem sind viele Menschen verunsichert oder ängstlich. Dagegen gibt es reale Gefahren, die wir voll ausblenden oder in Kauf nehmen. Wir gehen gerne schwimmen, obwohl durchschnittlich jedes Jahr bis zu 500 Menschen ertrinken, wir fahren  gerne Auto, obwohl es pro Jahr tausende Verkehrstote gibt. Die Aufzählung könnte an dieser Stelle unendlich lang sein. Am Ende kommt man zu dem Ergebnis, dass die größte Gefahr für uns Menschen wir Menschen selbst sind – Wölfe kommen in dieser Aufzählung gar nicht vor.

 

Wenn ich einen oder mehrere Hunde dabei habe: Hunde dicht am Menschen. Ich halte sowieso nichts davon, Hunde im Außenbereich frei laufen zu lassen. Hunde gehören da nicht nur zur Brut- und Setzzeit an die Leine, weil sie viel Unheil anrichten können und unter Wildtieren Unruhe stiften. Das muss nicht sein. Einen kleinen Hund würde ich auf den Arm nehmen. Und dann aus der Situation langsam rausgehen oder abwarten, bis der Wolf die Begegnung abbricht. Auch wenn er näher kommt… sich dann erinnern: es ist ein junges, neugieriges Tier!  

 

Wenn ich mit einem Pferd unterwegs bin, gilt auch: Ruhig bleiben. Es gibt Pferde, die vor Hunden scheuen, die bei Hunden nervös werden. In dem Fall sollte ich bei einer Wolfsbegegnung ruhig auf das Pferd einwirken und es dem Wolf zugewandt aufstellen, damit es den Wolf sehen kann. Auch hier gilt: der Wolf steht da nicht und starrt, um seine Chance eines Angriffs abzuwägen. Er guckt einfach nur, weil man sich begegnet ist. Es ist meine Aufgabe als Reiter, mein Pferd ruhig zu halten oder, wenn das nicht geht, wenn mein Pferd anfängt verrückt zu spielen und nervös zu werden, langsam umdrehen, im Schritt zurück oder im Schritt vorwärts. Der Wolf hat kein Problem mit der Situation – der Mensch und das Pferd sind das Problem, weil man die Begegnung nicht gewohnt ist und weil man evtl. zu Überreaktion neigt. 

 

Sind angeleinte Hunde für Wölfe interessante Beute? 

 

Nein. Die Nähe des Menschen schützt sie. Grundsätzlich sind freilaufende Hunde aber natürlich gefährdet durch Wölfe, weil sie als Nahrungskonkurrenten und Eindringlinge ins Revier der Wölfe gesehen werden. Wenn ein Dackel oder Terrier dem Wolf an den Fersen hängt, hat der natürlich schlechte Karten. Hunde gehören draußen an die Leine! 

 

Was passiert, wenn ein nicht angeleinter Hund einen Wolf verfolgt/ attackiert?

 

Es gibt Videos aus Schweden, wo Jagdhunde beim Stöbern auf Elche auf Wölfe treffen, und diese verfolgen – mit einer Kamera auf dem Rücken, so dass man hautnah sieht, was geschieht. Zunächst flüchten Wölfe, wenn ein Hund auf sie zustürmt. Wölfe können sich keine Verletzungen leisten, das wissen sie instinktiv sehr genau und deshalb vermeiden sie Auseinandersetzungen, wenn es geht. Sie sind keine Raufbolde wie Hunde. Sie kämpfen nur, wenn es sein muss, um z.B. einen Eindringling zu vertreiben – dann aber richtig zur Überraschung von Hunden, die eben noch Wölfe vor sich hergetrieben haben und gar nicht wissen, was ein Ernstkampf ist. Der Wolf weiß es genau. Er dreht den Spieß um, flüchtet nicht weiter, ist bereit zum Ernstkampf. Es geht nicht um ein Geplänkel, es geht um Leben oder Tod. Der Hund hat dann keine Chance mehr, davon zu kommen.

 

Wir sollten uns in Deutschland vor Augen halten, wieviel Hunde bei der „normalen“ Ausübung der Jagd ums Leben kommen. Sie werden bei Drückjagden versehentlich angeschossen, von Querschlägern getötet oder verletzt. Sie ersticken oder sterben an Verletzungen bei der Baujagd auf Dachse oder Füchse. Nicht angeleinte Hunde, nicht nur Jagdhunde, sind in Jagdrevieren grundsätzlich gefährdet, wenn sie umher stöbern – dass sie dabei auf Wölfe treffen und es zu einem Konflikt kommt, rangiert bei uns wohl „unter ferner liefen“. 

Sind Pferde auf der Koppel/ im Offenstall für Wölfe interessante Beute?  

 

Eher nicht. Ich formuliere es vorsichtig, weil es ja bekanntlich vorgekommen ist, dass Wölfe Pferde angegriffen haben. Ich kenne auch ein Video, wo ein Wolf an einem Offenstall entlang trabt und die Pferde sehr nervös sind und umher rennen. Grundsätzlich möchte ich sagen, dass Pferde eher keine Beutetiere für Wölfe sind. Wölfe sind Opportunisten und sie gehen ungern das Risiko ein, bei einem Angriff verletzt zu werden. Unzureichend geschützte Schafe, Ziegen, Gatterwild u.Ä. sind für Wölfe interessante Beutetiere, Pferde nicht so – aber es kann vorkommen, wie wir jetzt wissen. Pferden in einem intakten Herdenverband auf der Weide werden Wölfe nichts anhaben können. Aber wohl viele, wenn nicht die meisten Pferde auf der Weide stellen nur Gruppen, Gemeinschaften von Pferden dar, keine Herdenverbände. Wenn Hunde oder Wölfe in die Weide einer Pferdegruppe eindringen, reagieren die einzelnen Tiere nicht abgestimmt aufeinander, sondern planlos, wodurch Panik entstehen kann, und Hunde oder Wölfe rennen automatisch hinterher und drauflos. 

Da wir heute überall z.B. in Niedersachsen mit Wölfen rechnen müssen, entweder mit Tieren einer Familie oder mit durchziehenden Wölfen, die auf der Suche nach einem Revier sind, müssen wir auch unsere Pferde schützen. 

 

In Niedersachsen ist es leider meines Wissens immer noch so, dass seitens der Umweltbehörde argumentiert wird: Pferde und Rinder können sich grundsätzlich selbst gegen Wölfe verteidigen, deshalb sind hier Zäune erstmal nicht förderungsfähig und müssen von den Tierhaltern selbst bezahlt werden. Erst in Gebieten mit gehäuft vorkommenden Übergriffen auf Pferde sind in Niedersachsen Fördermöglichkeiten für die Anschaffung wolfsabweisender Zäune auch für Pferdehaltungen nach der Förderrichtlinie Wolf geschaffen worden.

 

In Niedersachsen sind etwa 230.000 Pferde registriert. Im Jahr 2020 wurden in Niedersachsen 13 Ereignisse als Wolfsübergriff auf Pferde gemeldet. In sechs von diesen Meldungen war keine Beteiligung eines Wolfes nachweisbar, sieben weitere Fälle wurden nachweislich von Wölfen verursacht, dabei wurden sechs Pferde getötet und vier verletzt. Seit 2018 wurden in diesem Bundesland insgesamt 11 nachgewiesene Wolfsübergriffe auf Pferde gemeldet, insgesamt wurden dabei neun Pferde getötet und zehn verletzt. Keine der betroffenen Pferdeweiden verfügte über einen wolfsabweisenden Zaun. 

 

Gibt es “Risikogruppen” (z.B. Fohlen)? 

 

Ja, Fohlen sind gefährdet. Wenn Pferde nicht geschützt sind und wenn Wölfe es darauf abgesehen haben, kann die Mutterstute von einem Wolf abgelenkt und beschäftigt werden, während ein anderer Wolf das Fohlen angreift. Ist so passiert und kann wieder passieren, wenn keine Vorsorge getroffen wird. Ich persönlich würde Fohlen nachts reinholen und nur tagsüber auf einer gesicherten Weide laufen lassen und das grundsätzlich, immer und überall, nicht nur wenn nachweislich Wölfe in der Nähe sind oder sein können. Denn wie gesagt – wir müssen heute jederzeit und überall mit der Anwesenheit von Wölfen rechnen.

 

Wie stehen Sie zum Thema Koppel für Pferde in Wolfsregionen? 

 

In den italienischen Abruzzen laufen Pferde, auch Mutterstuten mit Fohlen, den ganzen Sommer frei auf den Hochebenen – in Wolfsgebieten, ohne Zäune. Es gibt Verluste an Pferden, vor allem Fohlen. Wo es wenig Schalenwild gibt, die natürlichen Beutetiere von Wölfen, können frei laufende Pferde in das Beuteschema des Wolfes fallen.  

 

Die geschätzten 1,3 Millionen Pferde in Deutschland sind überwiegend Freizeitpferde, von denen die meisten Weidegang haben und häufig in Offenställen stehen. Zur artgerechten Haltung von Pferden gehört u.a. regelmäßiger Weidegang, das sollte auch in Wolfsregionen so sein und so bleiben. Wir wissen inzwischen, dass wolfsabweisende Zäune unsere Pferde schützen, wobei wir akzeptieren müssen, dass es keinen 100%igen Schutz gibt und geben kann. Es gibt in keinem Lebensbereich eine absolute 100%  Sicherheit. 

 

Welche Schutzmaßnahmen empfehlen Sie für normale Pferdekoppeln und Offenställe? 

 

Es gibt eine große Vielfalt an Zaunsystemen im Pferdebereich. Eine wolfsabweisende Funktion war dabei bisher nicht erforderlich. Pferde wie Wölfe reagieren höchst empfindlich auf Stromreize, weshalb Elektrozäune für eine optimale Hütesicherheit und einen effektiven Herdenschutz sorgen. Der Mensch trägt hier die Verantwortung, Weidetiere auch vor Beutegreifern zu schützen, diese Pflicht ergibt sich auch aus den gesetzlichen Vorgaben.

 

Welche Schutzmaßnahmen empfehlen Sie für Mutterstuten/ Fohlen, Rentner usw.? 

 

Für die wolfsabweisende Wirkung ist der Abstand der unteren elektrischen Leiter zum Boden und zueinander wesentlich, da Wölfe in der Regel Hindernisse untergraben oder unter ihnen hindurchschlüpfen. Daraus folgt beispielsweise für Großpferde ohne Hengste ein Zaunsystem mit sechs elektrischen Leitern in 20, 40, 60, 80, 110, 140 cm vom Boden. Wichtig bei Zäunungen in der Pferdehaltung ist die Sichtbarkeit der elektrischen Leiter für das Pferd; dünne Litzen oder gar Glattdraht sind schlecht wahrnehmbar und können im Falle von -bei Pferden rasch vorkommenden- panischen Fluchtreaktionen tiefe Schnittwunden hervorrufen. Daher wird von diesem Leitermaterial dringend abgeraten bzw. sind Glattdraht, Stacheldraht und Knotengitter als alleinige Umzäunung für Pferdeweiden äußerst verletzungsträchtig bzw. tierschutzwidrig. Wichtig ist die Nutzung hochleitfähiger elektrischer Leiter, um eine hohe Stromspannung zu erlangen sowie eine Abstimmung der verbauten Zaunkomponenten aufeinander, um eine optimale Wirkung zu erzielen. Ob Neubau, Aufrüstung oder mobile Lösungen für eine wolfsabweisende Zaunanlage, die Möglichkeiten sind vielfältig und es bedarf immer einer individuellen Anpassung und Vor-Ort-Beratung.

 

Adäquate Weidegrößen, Futterangebot und Herdenmanagement sowie eine artgerechte Pferdehaltung sind bei alledem selbstverständliche Voraussetzungen für eine konfliktfreie Pferdehaltung in Wolfsgebieten.

 

Wie sähe ein 100% wolfssicherer Zaun aus? Brauchen Pferdehalter so etwas oder reicht eine “unbequeme” Koppel, um Wölfe auf leichtere Beute zu lotsen? 

 

Einen 100% wolfssicheren Zaun gibt es nicht. Wenn es eine Schwachstelle gibt, wird der Wolf sie finden. Ein wolfsabweisendes Zaunsystem habe ich gerade beschrieben – damit sollten ALLE Equiden auf der Weide geschützt werden. Was sollte eine „unbequeme Koppel“ sein? Wölfe sind zu intelligent und zu zielstrebig, um sich von unseren Mätzchen beeindrucken zu lassen. Wenn sie an Pferden interessiert sind und wenn diese nicht geschützt sind, werden Wölfe einen Weg zu ihnen suchen und finden, wenn nicht wolfsabweisend geschützt ist. 

 

Faktencheck: Im Netz liest man immer wieder, dass Esel und Alpakas gegen Wolfsbesuch helfen. Stimmt das? 

 

Bei Alpakas wäre ich skeptisch, und auch ein Herdeschutz mit Esel kann schwierig werden. Es ist zwar bekannt, dass sich Wölfe verunsichern lassen, sobald das Beutetierverhalten nicht in ihr bekanntes Schema passt, aber man sollte die Anpassungs- und Lernfähigkeit des Wolfes niemals unterschätzen. Vielleicht schafft es ein Esel 3-4 mal mit seinem draufgängerischen und lauten Verhalten einen Angriff abzuwehren, aber beim fünften Versuch haben die Wölfe schon genug gelernt, um doch erfolgreich sein zu können. Das schwerwiegendste Problem ist aber, dass die Haltung von Eseln als Steppenbewohner mit großem Bedarf an rohfaserhaltigem Futter ganz andere Anforderungen hat als die Haltung von unseren üblichen Weidetieren. Um nicht krank zu werden, dürfen sie nur 2 bis max. 4 Stunden täglich im Gras stehen. Auch dadurch ist ein Esel für Herdeschutz in meinen Augen definitiv nicht geeignet.

 

Faktencheck: Im Netz werden immer wieder Herdenschutzhunde gegen Wolfsbesuch empfohlen. Halten Sie diesen Tipp in Deutschland für sinnvoll/ praktikabel? (Falls ja: Wie viele Hunde würden Sie einem durchschnittlichen Pferdebesitzer empfehlen? 1 Herdenschutzhund beeindruckt ein Wolfsrudel vermutlich nicht?)  

 

Ohne einen wolfsabweisenden Elektrozaun – quasi eine Art Grundschutz - ist der Einsatz von Herdenschutzhunden (HSH) nicht möglich. Ein erheblicher Mehrwert entsteht beim Einsatz von HSH durch den Schutz vor „zweibeiniger“ Bedrohung, z.B. von Pferderippern, Brandstiftern, die an Heulagern Feuer legen oder Satteldieben usw. 

 

Ein Herdenschutzhund genügt nicht, es müssen schon aus Tierschutzgründen für eine tiergerechte Haltung mindestens zwei sein, denn Hunde, die nicht eng mit Menschen zusammenleben, brauchen Artgenossen, wenn sie 24 Stunden täglich alleine draußen sind.

Pro Hund sollte eine ausreichende Ruhezone zur Verfügung stehen, die einen Wetterschutz bietet und in der die Fütterung stattfindet. Sie sollte über einen geeigneten Durchschlupf vom Pferdebereich getrennt nur für die Hunde zugänglich sein. Nach außen ist ein wolfabweisender Zaun erforderlich, der immer Strom führt.

 

Einem durchschnittlichen Pferdebesitzer würde ich mindestens 2 Hunde empfehlen. Die Empfehlungen zu Zucht, Ausbildung, Haltung und Umgang mit Herdenschutzhunden in Brandenburg z.B. gehen davon aus, dass je 5 - 30 Pferde, abhängig von der Größe und Übersichtlichkeit des Geländes und der Herdenzusammensetzung, ein Hund erforderlich ist. Bei größeren Beständen oder schwierigen Verhältnissen können also auch mehr Hunde erforderlich sein.